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vom Rookie zum Veteran an einem Tag

June 4, 2018

Ich schleppe mich durch den Treptower Park, meine Beine brennen, das Knie pocht und der Stock, der meinen Rücken zu fixieren scheint, lässt sich nicht entfernen. Mein Wille, dieses Rennen zu beenden schwindet gegen null, als mich ein ca. 120kg schwerer Jogger leichtfüßig wie eine Gazelle überholt. Da frage ich mich wie ich hierhergekommen bin, denke bei mir, dass es nicht mehr geht und höre auf zu laufen…

 

 

Jeder kennt diesen Augenblick, in dem man sich eine Sache vornimmt, die man einfach mal geschafft haben will – der nächste Haken auf der Bucket List des Lebens. Direkt nachdem sich dieses Vorhaben im Kopf verankert hat, ist die Motivation am Anschlag und man will am besten sofort loslegen. Doch mit jeder weiteren Woche, die auf dem Weg zu dem Ereignis verstreicht, rieselt peu à peu Motivation aus der anfangs randgefüllten Sanduhr. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass ich so zu all meinen sportlichen Ereignissen komme - so auch zu diesem verdammten Triathlon.

 

Angespornt für diese faszinierende Sportart durch Ehrki und natürlich den Langen, keimte in mir der Gedanke an einen eigenen Triathlon wie eine Sommerblume bei den ersten Sonnenstrahlen des Jahres. Diese sollte sich allerdings über die Zeit als eine Brennnessel entpuppen. Nichts ahnend meldete ich mich kurzerhand für den Berlin Triathlon an. Auch hier galt es die erste Entscheidung zu treffen – die Distanz. Sprint oder Olympisch. Nach kurzem Durchspielen im Kopf dachte ich mir, bei diesem einen Triathlon wollte ich es richtig machen! Denn es sollte keine bezaubernde und tiefgreifende Langzeitbeziehung zwischen mir und dem Triathlon werden, sondern eher ein impulsiver, spontaner und schmerzerfüllter One Fight Stand. Also Olympisch!

 

Gesagt getan – folgte die Anmeldung Ende Oktober. Noch genug Zeit um bis zum Juni einer dieser drahtigen Mistviecher zu werden, wie sie beim Triathlon Schlange stehen. Gesagt, nicht getan. Da kam dann wieder diese zu Beginn beschriebene rieselnde Motivations-Sanduhr dazwischen. Zusätzlich zur fehlenden Motivation, die eigene Woche dem Sport unterzuordnen, hatte dann auch noch das Leben ein Wörtchen mitzureden, das mich in Form einer Verletzung dazu zwang, ab Februar keinen weiteren Meter bis zum Start des Triathlons zu joggen. Aber wie sagt man doch so schön - no risk no risk. ;)

 

Blieben mir immerhin noch das Schwimmen und Radfahren zum Üben. Naja, auch hier lief die Vorbereitung eher semi-optimal. Aber die Schwimmkondition und -technik hatte ich mir offensichtlich noch von der letztjährigen Triathlonstaffel in irgendeinem Winkel meines Körpers abgespeichert. Das Radfahren konnte ich wiederum auf meinem täglichen Arbeitsweg trainieren.

So rückte der Tag der Entscheidung immer näher und näher. In der Woche vorm 03. Juni holte ich mir vom Methusalem des Triathlons noch die letzten Ernährungstipps und beim nächsten Wimpernschlag war es auch schon Sonntagfrüh. Die Nervosität am Morgen stieg kontinuierlich, was auch bedeutete, dass es immer ruhiger am Frühstückstisch wurde.

 

Auf ging es Richtung Start. Fahrrad einhängen, den eigenen Wechselbereich präparieren, Badehose an und die Startwelle davor inspizieren. Die Nervosität sammelte sich zu einem Kloß in meinem Hals und sollte mich bis zu meinem Start auch nicht mehr verlassen. Der Lange gab mir die letzten Tipps für die Wechselzone mit und schon ging es an den Start. Ich hatte mich im Wasser etwas warm geschwommen und dann wie vom Langen empfohlen dicht an der inneren Boje orientiert. Nur ließen die restlichen Teilnehmer auf sich warten. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren alle im Wasser und der Startschuss fiel. Es war eine atemberaubende Kulisse – die Brücke vom Festland hinüber zur Insel der Jugend war zum Bersten gefüllt mit Zuschauern und das Wasser brodelte nach dem Startschuss auf, als hätte jemand Brausepulver hineingekippt. Es gab das übliche Gerangel unter Wasser, das sich jedoch im Vergleich zu meiner ersten Erfahrung am Werbeleinsee in Grenzen hielt. Also nun 2 Runden um diese Insel. Innerhalb dieser 1,5 km kam ich irgendwie nie so wirklich in meinen Rhythmus und wechselte öfter zwischen Kraulen und Brustschwimmen als mir lieb war.

Nachdem ich wieder aus dem Wasser kam, verriet mir die Uhr, dass ich ca. 37 Minuten gebraucht hatte. Das baute mich auf, da ich beim Schwimmgefühl mit einer längeren Zeit gerechnet hatte. Hier warteten auch schon die ersten Fans auf mich. Viele Freunde, Familie und meine Freundin waren da, um mich auf der gesamten Strecke zu supporten. Rein in die Wechselzone, schnell umgezogen und ab aufs Rad. Nun begann der angenehme Teil. Auf der gesamten Radstrecke fühlte ich mich gut und konnte zu meinem Erstaunen immer mehr Zeit gegenüber meinem Plan gut machen. 9 Runden à 4,2 km ballern ohne auf irgendein Auto Rücksicht zu nehmen hat einfach nur Spaß gemacht. Und bei jeder Runde wieder gepusht zu werden noch mehr!

 

Als ich wieder in der Wechselzone ankam ging es runter vom Rad und nun lief es sich wie auf Eiern. Meine Füße und meine linke Hand waren taub. Außerdem brachte mich mein Rücken, den ich schon während des Radfahrens gemerkt hatte, um den Verstand. Egal – schnell umziehen und das letzte Drittel hinter mich bringen, dachte ich. 2/3 waren ja nun geschafft – also ein Kinderspiel. Die Supporter trugen ihren Rest dazu bei, dass ich trotz Rückenschmerzen beflügelt auf die Laufstrecke ging. Das hielt auch die ersten Meter an und trotz meiner Fußverletzung im Vorfeld, spürte ich kaum Schmerzen. Es war überraschenderweise mein Rücken, der mich blockierte. Ich bekam keine Lockerheit in meinen Lauf. Egal, noch 2 Runden quälen und 10 km beißen.

 

Auf der gesamten Strecke verteilten sich meine Supporter. An jeder Ecke überraschte mich jemand anderes und ich musste jedes Mal grinsen, wenn ich jemanden erkannte und sie den einen oder anderen km/h noch aus mir herausbrüllten. In der zweiten Runde fiel dann der Hammer. Ich schleppte mich durch den Treptower Park, meine Beine brannten, das Knie pochte und der Stock, der meinen Rücken zu fixieren schien, ließ sich nicht entfernen. Mein Wille dieses Rennen zu beenden schwand gegen null, als mich ein ca. 120kg schwerer Jogger leichtfüßig wie eine Gazelle überholte. Da fragte ich mich wie ich hierhergekommen war, dachte bei mir dass es nicht mehr geht und hörte auf zu laufen…

 

Nach ca. 100m, die ich gehend zurückgelegt hatte, meldete sich der Schweinehund in meinem Kopf, der sich vor Lachen krümmte. Da strömte der Kampfgeist zurück in meinen Körper und ich begann wieder zu joggen – zwar langsam, aber ich lief. Nach kurzer Zeit machte sich das nächste Problem bemerkbar – ich bekam einen Hungerast. Da ich meinen Körper an alles andere als an den Kohlenhydratentzug gewöhnt hatte, lechzte er nun danach! Zu meinem Glück folgte wenig später die nächste Versorgungsstation, bei der ich mir die Isodrinks in den Rachen einflößte, als würde es sich hierbei um Freibier handeln. „Zucker, du brauchst Zucker“, dachte ich mir! Nach dem kurzen Innehalten setzte ich das Gequäle für die letzten 2,5 km fort. Die Gedanken in meinem Kopf schwirrten nun nur noch um den Zieleinlauf und das Gefühl, es dann endlich geschafft zu haben. Als ich schließlich die Brücke zur Insel der Jugend erblickte und bereits das aufgestellte Spalier meiner Unterstützer erkannte, überrollte meinen Körper die Flut von Gänsehaut. Die Schmerzen wurden weniger, die Erschöpfung verschwand und machte Platz für eine ungeahnte Leichtfüßigkeit. Ich wurde wahrlich von den Anfeuerungen ins Ziel getragen. Auf der Zielgeraden angekommen, die wie bei den meisten Triathlons aus einem Teppich bestand, konnte ich es gar nicht glauben es geschafft zu haben. Auf der Ziellinie riss ich die Arme hoch und wollte den Moment einfach nur genießen.

 

Ich hatte mäßig trainiert, mehr Spaß gehabt als gedacht, einige Schmerzen erlitten, viel gekämpft und ein unbeschreibliches Gefühl nach der Beendigung des Wettkampfes erfahren. Trotz dessen bin ich der Meinung, dass mir dieses „Spüren“ des Körpers einmal reicht! Und somit soll dies mein erster und auch letzter Triathlon gewesen sein!

 

 

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