DeinOstseeweg 2017 - Döner, Sand und feste Waden

September 18, 2017

Bad Doberan - In 19 Minuten fährt der Zug ab und google sagt, es sind noch 14 Minuten bis zum Bahnhof. Ich versuche schneller zu gehen, aber es ist nicht möglich. Die Knie brummen, die Schenkel sind hart wie Zaunlatten und auf meinem Puckel tanzt die dicke Sporttasche. "Man ey, ist denn hier gar nicht mehr Schluss.", schreie ich gedanklich. Irgendwie erreiche ich den Bahnhof Bad Doberan aber doch noch pünktlich. Der Zug parkt provokativ am hintersten Ende des Gleises, so dass es auf den letzten Metern dieses Abenteuers doch noch einmal spannend wird. Zugtür, rein, geschaft, SCHLAF...gäääähn. Noch einen guten Tag zuvor hat hier alles seinen Anfang genommen. Inzwischen ist viel passiert - u.a. etwa 140.000 Schritte.

 

Zimme: Jeder kennt das, man hört in der Zeitung, im Fernsehen oder bei Freunden von krassen Erlebnissen oder Abenteuern, die man am Liebsten auch selbst erleben möchte. Meistens bewundert man diejenigen, die solche Sachen überstanden haben oder man sagt: „Heidewitzka! Hut ab, dass Du das geschafft hast!“ Und innerlich stelle ich mir vor, wie ich das auch durchstehe und später den nächsten erstaunten Gesichtern davon erzählen kann. Bei einem weihnachtlichen Freundestreffen wurden eben genau solche Geschichten ausgepackt. Vom Ostseeweg 2016. Wie man sich dort gegenseitig über die harten Kilometer und durch die langen Nachtstunden geschleppt hat und dabei trotz Schmerzen die Scherze und das Gesabbel nicht vergessen hat. Kurz- ein unvergessliches Erlebnis. Fast alle wollten das wiederholen. Und ich wollte es auch erleben! Einige Monate später, nach den ersten  Trainingskilometern, sah es dann schon anders aus. Urlaubsplanung und Zeitmangel ließen nur noch mich und Basti übrig. Erstmal eine coole Kombi, aber mir war bewusst, dass mein Fitnessstand nicht mehr der eines 20- jährigen ist. Bis Juli hatte ich 7-8 längere Wanderungen mit bis zu 40 km absolviert. Meine täglichen Schritte und ein wöchentliches Schritte-Battle mit den Jungs gaben mir zusätzlich ein gutes Gefühl. Ich dachte: „Das wird schon klappen. Sicher, es wird hart werden, aber ich hab ja schon früher vieles mit bloßem Willen hinbekommen. Warum also nicht auch hier.“

 

Basti: 16.9.2017 - Der Bummelzug aus Hamburg hält in Bad Doberan. In meiner Sporttasche befinden sich Wasserflaschen, ein paar Energieriegel, Laufklamotten für jedes Wetter, eine kleine Musikbox, meine gute alte gopro und noch ein paar andere Dinge, um uns die nächsten 24h möglichst angenehm zu vertreiben. Heute steht der Ostseeweg auf dem Program. Zusammen mit Zimme wollen wir in den nächsten 24h 100km zu Fuß zurücklegen. Ich latsche entspannt mit den anderen bunt bepackten Gestalten vom Bahnhof in Richtung Doberan City und hoffe, dass zumindest einer der Vorausgehnden den Weg zum Sportplatz kennt. Die Karavane kommt an. Irgendwann bimmelt auch Zimme durch und meldet, dass er in Kürze eintrifft. Damit ist unser schlagkräftiges Duo für diese Veranstaltung dann auch schon vollzählig. Nach kurzer Besprechung mit unserem Supporter Andreas düst dieser kurz ab in seine Unterkunft zur Märchenpension nach Börgerende und lässt uns erst einmal in Ruhe den Orga-Kram regeln. Startunterlagen und Fährticket sind schnell abgeholt, wir beiden packen noch fix unsere finale Ausrüstung zusammen und geben den Rest später, kurz vor dem Start bei Andreas ab. Nebenbei schauen wir uns das Teilnehmerfeld an, welches extrem bunt gemischt ist. Menschen allen Alters. Einige davon recht zähe Kammeraden. Andere sehen aus wie für eine Städtetour angezogen. Die Stimmung scheint aber bei allen der 500 Teilnehmer sehr gut zu sein. Von uns aus kann es losgehen. 17uhr. Es geht los.

Zimme: Und so zog die bunte Karavane nach dem Startschuss los und wir mittendrin. Nach den ersten 15 km hatten wir dann auch endlich genug Platz um unseren eigenen Latschen durchzuziehen und in Tritt zu kommen. Ab da verflogen die Kilometer und Stunden wie im Flug. Gut unterhalten von Basti hatten wir nach Jahren mal wieder Zeit, alle möglichen Themen durchzuquatschen. Und ganz nebenbei genossen wir die Erfahrung, mit anderen Leidensgenossen durch das abendliche Rostock, dunkle Wiesenwege, entlang der teils steilen Ostseeküste und durch verschlafene Feriendörfer zu wandern. Klingt irgendwie langweilig, wenn ich das so schreibe, rückblickend betrachtet sind das aber die schönsten Erinnerungen an diese Tour. Irgendwie eine Art Selbstfindungstrip mit einem Ziel, klaren einfachen Regeln und der Natur. Auf jeden Fall eine Erfahrung wert!

 

Basti: Zwischendurch weht immer mal wieder ein verführerischer Grill-Duft über die Hecken und wir kommen ruckzuck mit den Grillmeistern ins Gespräch. "100km wandern? Habt ihr sie noch alle? Wollt ihr ne Wurst?" So darf es gerne weitergehen :)

Als wir in Rostock ankommen ist es bereits dunkel. Die erste Verpflegungsstelle (etwa bei km23) bietet uns jede Menge Snacks und die Möglichkeit, kurz durchzuschnaufen. Matten, Bänke, alles da. Überraschenderweise treffen wir sogar eine Arbeitskollegin aus Hamburg, wollen uns am Verpflegungspunkt aber nicht lange aufhalten. Uns drängt es zu der Dönerbude am Bahnhof, wo wir uns beide einen Döner zum Abendbrot gönnen. Die anderen Wanderer staunen nicht schlecht und freuen sich über die zwei glücklich mampfenden Typen.

 

Nach der Stärkung gehts weiter. Die Stimmung ist immer noch fabelhaft und als nächstes Zwischenziel winkt der zweite Verpflegungspunkt in Warnemünde kurz nach der Fährfahrt. Die Zeit bis dahin vergeht recht fix. Immer wieder kommen wir mit anderen Teilnehmern ins Gespräch und die 22Kilometer rauschen unter unseren Füßen nur so durch. Vor der Fähre müssen wir etwas warten und überbrücken die Zeit mit Dehnübungen. Langsam werden die Beine schwerer, aber die Hälfte ist ja auch schon fast geschaft. Doch dann der Schock: kurz nach dem Übersetzen erreichen wir Verpflegungspunkt Nr.2 und erleben während unserer Pause, wie mehrere Teilnehmer wegen Kreislaufproblemen zusammenbrechen. An dieser Stelle ein großes Lob an die Orga und die Sanitäter vor Ort. Hier wurde schnell reagiert und jeder versorgt. Trotzdem war für viele der Teilnehmer hier Schluss. Ein Sanitäter hat mir später berichtet, dass bei der Hälfte der Strecke etwa die Hälfte der Teilnehmer ausgestiegen sind. Müdigkeit, Kälte, Kreislauf, Blasen, Schmerzen oder einfach nur Erschöpfung - die Gründe sind vielfältig und auch Zimme hatte eine kleine Blase zu versorgen. Danach ging es allerdings weiter für uns. Hier haben wir auch meine Kollegin Janette wiedergetroffen und da ihr Wanderkumpel beschlossen hatte auszusteigen, haben wir ihr angeboten, sich uns anzuschließen. Unser Duo war jetzt ein Trio und zu dritt starteten wir in die zweite Hälfte der Nacht. Wir quatschen und quatschen und quatschen. Als wir gegen 7uhr morgens km60 erreichen ist es bereits hell und die Beine fühlen sich deutlicher schwerer als am Vortag an. Janette scheint jedoch keine Erschöpfung zu spüren und so lassen wir sie ziehen. Das Nacht-Trio wird also wieder zum Tag-Duo. Auch gut.

Und während wir gemütlich durch Börgerende latschen und jede Bushaltestelle für eine kurze Entlastung der Beine nutzen, wächst in Zimme erstmals der Gedanke, dass er es evtl. nicht ganz bis zum Ende schaffen wird. Zu groß die verbleibende Entfernung und zu groß die Schmerzen in den Beinen und Füßen. Aber wer glaubt, dass für diesen Kerl schon bei den ersten Anzeichen Schicht im Schacht ist, der täuscht sich gewaltig. Kilometer um Kilometer spulen wir ab. Jeder Schritt ist ein Wagnis und bedeutet Brennen in den Muskeln aber auch, dem Ziel ein Stück näher zu sein. Inzwischen liebäugelt Zimme aber nicht mehr mit der großen 100, sondern mit dem KM65 -Schild direkt am Meer. "Bis dorthin geh ich noch.", verkündet Zimme. "Kann nicht mehr weit sein!" Und als wir dann auch noch zufällig direkt an der Märchenpension vorbeikommen, wo Andreas die Nacht verbracht hat, steht es fest. Zimme wird bei seinem ersten 100km-Marsch bei sagenhaften 65km aussteigen. Eine starke Leistung wenn man bedenkt, wie viele Andere bereits viel früher die Segel streichen mussten. Und dann erreichen wir den Deich und das erlösende Schild. Sogar eine Bank steht hier, auf der sich Zimme sanft niederlässt um auf Andreas zu warten. Wir verabschieden uns, wie sich alte Kumpels verabschieden. Ein respektvoller Klopfer auf die Schulter, einmal drücken und damit ist alles gesagt. "Wir sehen uns Alter. Hat mir großen Spaß gemacht! Verdammt gute Sache!" Und aus dem Duo wird ein Single.

 

Zimme: Die Kilometer bis zum 60-KM-Schild zogen sich wie Kaugummi und meine Bewegungen wurden sichtbar unrund. Teilweise musste ich schon über mich selbst lachen, weil ich mich wie ein 100-jähriger bewegte. Witzig und bemitleidenswert zugleich. Der selbstgewählte Stop in Börgerende war dann der Anfang vom Ende. Ab da kämpfte ich um jeden Zentimeter und brauchte vermutlich 2 Stunden bis zu einer kleinen Sitzbank auf dem Deich über der Ostsee. Ich kroch förmlich bis zum dortigen 65-KM-Schild und berührte es, wie ein Schiffbrüchiger das rettende Ufer. Für mich war dort Schluss. Finito. Körperlich pfiff ich auf dem berühmten letzten Loch. Und geistig war ich zerrissen. Einerseits traurig, ja gerade zu wütend, es nicht geschafft zu haben, andererseits war ich dennoch glücklich. Nicht, weil es zu Ende war, sondern weil ich damals irgendwie spürte, was ich heute noch viel deutlicher weiß. Dass es, egal wie weit man kommt, eine echt coole Nummer war. Vielleicht war es das, was mich auf dieser kleinen Holzbank mit Blick auf die ruhige blaue Ostsee und mit Sonnenstrahlen in meinem Gesicht, zum Lächeln brachte. Ich war, trotz Allem, zufrieden.

 

Basti: Die letzten 35km haben sich hingezogen und ich bin anscheinend der aller Letzte des verbleibenden Feldes gewesen. Immer wieder hole ich zwar andere Wanderer ein, die dann aber beim nächsten Verpflegungspunkt aussteigen. Als ich bei KM91 die letzte Verpflegungsstelle auf dem Gelände des Ostsee Golf Resort Wittenbeck erreiche, werde ich wohlgelaunt von den Sanitätern als Schlusslicht empfangen. Einerseits, weil sie sich freuen, dass der Schluss-Wanderer noch in guter Verfassung und damit kein Einsatz mehr zu befürchten ist. Andererseits aber auch, weil sie nun abhauen und bald Feierabend machen können. Waren immerhin auch fast alle schon seit dem Vortag wach. Kurz vor Bad Doberan zeigt dann endlich meine Uhr die angestrebten 100km an. "Jetzt nur noch zur Turnhalle zurück und fertig", denke ich mir. Als ich die die Halle endlich erreiche, bin ich heilfroh im Ziel zu sein, warm zu duschen und mein Zeug ordnen zu können. Als ich die Halle wieder verlasse, blicke ich auf die Uhr und werde nervös... noch 19min bis der Zug fährt. Ich muss rennen! "Hört das denn heute gar nicht mehr auf?"

 

Fazit: Zum Abschluss möchte ich noch sagen: Hut ab vor Zimme, dem alten Beißer. Wo im Vorjahr noch Basti und Markus bei KM52 abbrechen mussten, hat Zimme in diesem Jahr die Messlatte noch mal ein bisschen höher gelegt. Auch die Veranstaltung hat sich entwickelt und bietet nun eine deutlich bessere Verpflegungsituation als noch im Premierenjahr. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es auch Zimme, Basti und Markus in den Füßen kribbelt, diese Herausforderung irgendwann zu knacken. Svenni ist sicher auch schon heiß auf seinen zweiten 100er. Wir werden sehen. Team Druck&Dampf bleibt der Ostsee treu.

 

Ahoi

 

 

 

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