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von Asien nach Europa schwimmen

July 24, 2016

Istanbul - Nach Allem, was in den letzten Wochen über die Türkei, Terror und Putsch berichtet wurde, stand unsere Reise nach Istanbul auf wackeligen Beinen. Wir haben gründlich nachgedacht und uns entschieden, die Reise dennoch anzutreten. Dies war keine leichte Entscheidung, da vor allem viele Freunde und Familienmitglieder große Bedenken und ihre Sorgen äußerten. Aber wir waren seit Januar angemeldet, hatten alle nötigen Voraussetzungen für die Teilnahme erfüllt und wurden nach bangen Wochen der Wartezeit vom Olympischen Komitee für den Wettkampf zugelassen. Unser Training war seit Monaten auf dieses Datum ausgerichtet und sowohl Flüge, als auch die Unterkunft waren bereits gebucht. Das alles hätten wir aufgegeben, wenn tatsächlich der Flughafen gesperrt oder die Stadt unter Beschuss gewesen wäre. War aber nicht.

Am Tag des Rennens standen wir dann zwischen 1500 anderen eingefettetten Schwimmern auf dem Boot, welches uns in Richtung Start auf die asiatische Uferseite des Bosporus brachte. Da kurz vor dem Boarding verkündet wurde, dass Sportuhren nicht erlaubt sind, weil man sich damit beim Massenstart evtl. gegenseitig krazt (#heuldoch), hatten alle Schwimmer ihre Uhren in der Badehose an Board "geschmuggelt" und deshalb teilweise sehr imposante aber kantige Beulen in der hautengen Schwimmerkluft aufzuweisen. Lautes Durcheinander und Stimmengewirr vermischten sich mit dem Hupen der Begleitboote als wir ablegten. Ich kam mir vor, wie auf einem Kreuzfahrtschiff bei der Jungfernfahrt und sah am Ufer die vielen Menschen die uns zuwinkten. Hätte gerne zurück gegrüßt aber ich hatte andere Sorgen. In etwa 30 Minuten mussten wir ins Wasser springen und den ganzen Weg zurückschwimmen.

 

 

Als der Startschuss fiel, schaltete mein Gehirn auf Autopilot. Die Klappe der Fähre ging auf, wir rannten alle raus, Hand an die Brille, Sprung ins Wasser, auftauchen, orientieren und dann Druck auf den Kessel... loskraulen. Sven war wahrscheinlich schon längst ein paar Meter weg und ich folgte einem Schwimmer in Richtung Flussmitte. "Wenn du spürst wie die Wassertemperatur um 2-3 Grad sinkt, bist du in der Mitte und damit in der Strömung, auf dem sogenannten Förderband", hieß es. Ich kraulte und kraulte, bewunderte das kristalklare Wasser und sah hin und wieder ein kleine Qualle friedlich unter mir her zappeln. Ob es nun deutlich kälter wurde oder nicht, vermag ich nicht mehr zu sagen, die erste Brücke war aber schnell erreicht und damit auch die erste Aufregung überwunden. Nur nicht zu weit vom Hauptfeld abweichen, dachte ich mir und hob immer mal wieder den Kopf etwas aus dem Wasser, um zu prüfen, ob das Rudel noch beisammen war. Irgendwann passierte ich den nächsten Check-Point, die über uns hängenden Stromleitungen, und erreichte schließlich die Insel Galatasaray. Von hier an hatten wir klare Anweisungen erhalten, in welchem Winkel und Abstand wir uns an der Insel vorbei, in Richtung Ziel manövrieren sollten. "Bloß nicht zu früh in die gefährliche Uferströmung geraten und auf gar keinen Fall zu lange in der starken Fluss-Mitte-Strömung bleiben!" ... Tja, wie denn nun? Also ungefähr Abstand und Winkel abgeschätzt und noch einmal Druck gemacht. Die erlösenden Ziel-Ballons, die riesengroß und mit Helium gefüllt in Neongelb und Rot verheißungsvoll über dem Ziel-Ponton schwebten, kamen immer dichter. Auch das Ufer war nun nicht mehr weit weg und ich kraulte in einem Rausch aus Glücksgefühl und Erleichterung den Ballons entgegen. Irgendwie wurde das Schwimmen aber immer schwerer und ich bemerkte, wie mich die  Uferströmung zu packen begann. Das Ziel schien genau diesen kleinen, letzten Abstand von 100m konstant beizubehalten. Ich kraulte und kraulte und spürte die Erschöpfung in mir aufsteigen. Wie von Sinnen erreichte ich dann doch irgendwann die rettende Leiter, die sich chrom-glänzend aus dem Wasser hob und mir ihre 3 Sproßen als letztes Hindernis vor dem Ziel präsentierte.

 

Dummerweise war ein Typ vor mir an der Leiter und lies sich (gefühlt) ewig Zeit, aus dem Wasser zu klettern. In meinem Kopf tobte es. Die schlimmsten Flüche kamen mir in den Sinne und ich wünschte ihm gedanklich die Pest an den Hals. Steig doch die scheiß Stufen hoch Mensch, hörte ich mich denken, als er sich endlich vor mir empor hiefte...mit nur einem Bein. Der Typ war also die ganze Strecke mit einem Bein geschwommen, vor mir hier im Ziel und ich hätte um ein Haar die Frechheit besessen, ihn anzuplärren weil er nicht sofort die Leiter hoch "rannte". Shame on me.

 

Dann endlich stand ich auf dem Ponton, klopfe dem Einbeinigen anerkennungsvoll auf die Schultern und gehe glücklich über den Steg an Land. Hier gab es flauschige Handtücher für jeden und Raketen-Sven stand schon mit Getränken parat. Er war nämlich, wie es sich für einen Zweibeiner gehört, vor mir und dem Einbeinigen angekommen und hatte sich bereits ein bisschen erholt. Der restliche Tag konnte uns nichts mehr anhaben. Nach einer solchen Leistung fühlst du dich unschlagbar. Wir haben schließlich nicht nur 6,5km schwimmend zurückgelegt, sondern vielmehr auch all unsere Zweifel besiegt. Keine Haie, keinen Krampf, kein Hilfegeschrei und kein jämmerliches Ertrinken. Ja, die Reise musste unbedingt sein. Ja, es ist möglich den Bosphorus zu durchschwimmen. Und ja, es hat wirklich großen Spaß gemacht. Und ja ja ja, nun sind wir offiziell und zertifizierte Cross-Continental-Swimmer. Ich kan es nur jedem raten!!!!

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